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Unglück an der Schiffsbrücke

Am 25. November 1912 sank die "Christoph Musmacher" in Mühlheim

Mit einem unheimlichen Geräusch bohrte sich der Bug des holländischen Schraubendampfers "Egon 9! in das Vorschiff der "Christoph Musmacher", brach kreischend, krachend, polternd durch Matrosen- und Heizerlogis und machte Mus aus der Vorkajüte. In wenigen Minuten lief das Vorschiff des Passagierdampfers voll, doch ein chaotisches Gewirr von Eisen und Stahl hielt das leckgeschlagene Fahrzeug für eine Weile an dem Holländer fest. Beide Schiffe trieben ineinander verkeilt dem Ufer zu bis die "Christoph Musmacher" sich mit einem deutlich vernehmbaren Ächzen löste und in die Tiefe sank.

Diese Szene entstammt keinem Kinoreißer, sondern der Wirklichkeit. Sie spielte sichgenau am 25. November 1912 um 19.15 Uhr zwischen den beiden Jochen der Mülheimer Schiffbrücke ab. Es war stockfinster, und ein kalter Regen peitschte den Rhein. Ein Augenzeuge des Geschehen war der Rentner Heinrich Etzweiler (69) aus Köln-Buchheim. Etzweiler fuhr als junger Matrose auf der "Christoph Musmacher", die Eilgüter und Passagiere zwischen Köln und Hitdorf transportierte. Täglich zwei Abfahrten an der Kölner Schiffsbrücke mit Zwischenstationen. Eine Lokalfahrt kostete damals 15 Pfennige in der ersten Klasse, Das Schiff gehörte der Köln-Mülheimer Dampfschifffahrt-AG. Sein Kapitän hieß damalsAugust Geller. Er hatte das Patent 364, der Königlich-Preußischen Regierung zu Cöln vom 19. August 1896. Mit diesem Befähigungsnachweis durfte er "von Straßburg bis ins Meer" fahren.

Am 25. November geschah folgen des: Die "Christoph Musmacher" hatte in der Nähe des Zoologisdien Gartens Kohlen gebunkert. Sie dampfte langsam stromauf der Köln-Deutzer Brücke zu und legte an, um 15 Passagiere und Fracht zu übernehmen. Ein Raddampfer mit gelbem Schornstein und schwarzem Ring, Abzeichen der Mülheimer Gesellschaft, das Deck keine anderen Aufbauten als ein offenes Ruderhaus. Viele, die sonst um diese Zeit mitzufahren pflegten, hatten sich wegen des schlechten Wetters der Mülheimer Lokalbahn anvertraut, die bis Wiesdorf fuhr. Von dort ging man zu Fuß.

Die Glocke tönte, und in einem weiten Bogen drehte der Dampfer mit rhythmisch platschenden Schaufein rheinab der Mülheimer Anlegestelle zu, die sich kurz vor der Schiffbrücke befand. Bevor die "Christoph Musmacher" ihre Reise nach Hitdorf fortsetzte, heißte. Matrose Etzweiler eine zweite Laterne am Signalmast. Sie sollte anzeigen, daß man die Brücke zu passieren wünsche. Das etwa 30 Meter breite Mittelstück wurde ausgefahren, während das Schiff in einer Bergkurve am Mülheimer Hafen wieder Strommitte gewann und jetzt genau Kurs auf die von den Jochlaternen markierte Öffnung nahm.

Kapitän Geller gab Glockenzeichen, die Laternen brannten und besagten: "Das zu Tal fahrende Schiff hat Durchfahrt." Auch die übrigen Brückenteile waren ziemlich hell beleuchtet, so daß man wohl bis zur Brücke, aber nicht darüber hinaus sehen konnte. Vielleicht war dieser Umstand ausschlaggebend. "Kurz vor der Brücke", berichtet Augenzeuge Etzweiler, "höre ich den Kapitän plötzlich durch das Sprachrohr rufen: "Stopp! Äußerste Kraft zurück. 0 Gott, o Gott!

Im selben Augenblick. schälte sich der holländische Schraubendampfer "Egon 9", der bis dahin auf der anderen Seite der Brücke gelegen hatte, aus dem Dunkel und strebte auf die "Christoph Musmacher' zu. Er faßte das Mülheimer Schiff am Backbordbug und durchbohrte es förmlich. Die havarierten Schiffe schlugen zusammen und trieben Seite an Seite durch die Jochöffnung auf das Mülheimer Ufer zu. Während das Vorschiff der "Musmacher" unter Wasser sank, stieg der Achtersteven des Dampfers so hoch empor, daß man das Ruder ganz sehen konnte.

Unterdessen war Etzweiler in den achteren Salon gelaufen, um den Passagieren bei der Rettung zu helfen. Dabei kam ihm das Wasser schon entgegen. Er riß sich mit solcher Kraft ain Geländer hoch, daß er mit dem Kopf gegen den Kesselmantel schoß. "Ich b. konnte mich nur noch mit Mühe an der Bordwand der "Egon" festhalten, da ging mir die "Christoph Musmacher" unter den Füßen weg und mit ihr drei Passagiere, die dabei den Tod fanden. Wie sich der Kapitän, der Kondukteur, der Maschinist und der Heizer retteten, kann ich nicht sagen, da das Schiff in wenigen Minuten gesunken ist. Der Dampfer ging zwar unter, aber nicht die beiden hölzernen Radkästen, auf denen die roten und grünen Positionslichter befestigt waren. Die Kästen hoben sich von ihren Unterlagen ab und trieben mit brennenden Laternen langsam rheinabwärts, wo sie bis Stammheim zu sehen waren. Mit anderen Worten: Sie setzten den vorgesehenen Kurs fort, indes ihr Schiff vor der Clemenskirche auf Grund lag. Es muß ein gespenstiger Anblick gewesen sein. Einen der beiden Kästen hat man später bei Rheinkassel wiedergefunden.

Die "Stadt Köln", ebenfalls ein Schiff der Mülheimer Gesellschaft, das von einer Ausflugsfahrt an den Oberrhein zurückkam, versuchte zu helfen. Es schlug mit einer Radschaufel den Schornstein der "Musmacher" weg, der dicht unter der Wasseroberfläche stand. Wer weiß, was passiert wäre, wenn der gesunkene Dampfer höher gelegen hätte. Die "Stadt Köln" hätte sich wahrscheinlich den Rumpf von vorn bis achtern aufgeschlitzt. Die drei Toten, ein älteres Ehepaar und ein Knecht, waren in Hitdorf zulause. Zwei von ihnen hat man später bei Langet gefunden.

Das Wrack der "Christoph Musmacher" lag viele Monate vor der Clemenskirche. Eine Hebegesellschaft bemühte sich lange Zeit vergebens, bis sie es aufgab. Sie habe sich an dieser Bergungsaktion finanziell zugrunde gerichtet, hieß es damals. Die Gesellschaft selbst hob das Schiff nach Wochen und ließ ihm in der Mülheimer Werft Sachsenberg ein neues Vorschiff schneidern. Der Dampfer wurde später unter dem Namen "Vom Steve" wieder in die Flotte der Müllemer Böötche eingereiht.

Heinrich Etzweiler aber wurde zur Kaiserlichen Marine eingezogen. Er diente auf SMS "Helgoland", einer schwimmenden Festung mit 30 Zentimeter dicken Panzerplatten, ebenso vielen Kanonen und 1.900 Mann Besatzung. 1918 machte die SMS-Flotte ebenso Konkurs wie die Mülheimer Dampfschifffahrtgesellschaft. Etzweiler aber verdiente sich sein Brot bei den Kölner Verkehrsbetrieben. Er war zuletzt Fahrer bei den Vorortbahnen.

Foto: St. Clemens, Mülheimer Ufer / © A. Ackermann

Christoph Musmacher

*17.08.1808 / + 23.04.1884
Reeder in Köln-Mülheim. Gründer der Schifffahrtsgesellschaft "Mülheimer Böötchen" und Besitzer des Raddampfers "Christoph Musmacher".
In Köln Höhenhaus wurde eine Straße nach ihm benannt.
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